Gute Poetry Slam Texte schreiben

Was macht einen guten Poetry Slam Text aus?


Diese Frage lässt sich leider weder einfach noch allgemeingültig beantworten, schon allein weil Poetry Slam Texte keine Textform im eigentlichen Sinn darstellen. Vielmehr ist der Poetry Slam Text ein freies Format, das jede Art von gesprochener Lautmalerei zulässt. Vorgegeben sind allein die Vortragslänge sowie die Grundregeln, dass die Texte selbst verfasst sein müssen und keine Requisiten verwendet werden dürfen. Aus diesem Grund liegt es eben gerade in der Natur des Poetry Slams, dass völlig unterschiedlich geartete Texte im Rahmen eines Poetry Slams vorgetragen werden, die sich eigentlich nur schwer miteinander vergleichen lassen.

Hinzu kommt, dass Poetry Slam Texte, wie jede andere Art von künstlerischer Darbietung auch, sehr vom Geschmack des einzelnen abhängen und daher jeder Text von jedem Zuhörer anders bewertet wird. Dabei kann es durchaus massive Unterschiede zwischen dem Geschmack des einen und der Meinung anderer geben.

Dennoch gibt es natürlich auch beim Poetry Slam gute und schlechte Texte. Als vordergründiges Merkmal dafür gilt ganz offensichtlich die Wertung, die ein Text durch die Publikumsjury erhält und die Platzierung, die der Text dadurch im Wettbewerb erhält. Auch wenn dieses Merkmal eventuell nicht das wichtigste Merkmal ist, einen guten Text zu bestimmen, ist es dennoch, trotz aller Subjektivität der Publikumsentscheidung, ein gut messbares und auf gewisse Weise auch objektives Kriterium für die Qualität eines Vortrags. Insofern soll es im Folgenden darum gehen, wie man einen möglicherweise erfolgreichen Poetry Slam Text schreiben kann.

Leider ist auch diese Frage nicht allgemeingültig zu beantworten, doch immerhin gibt es einige Fingerzeige, anhand derer man sich beim Schreiben von Texten orientieren kann. Dabei sind die folgenden Anregungen naturgemäß weder vollständig noch unverrückbare Wahrheiten, sondern in erster Linie eine grobe Orientierungshilfe. Es gibt zahlreiche Poetry Slam Texte, die einige oder gar alle der folgenden Regeln missachten und trotzdem gut und erfolgreich sind.

Inhalte


Die meisten Texte stehen und fallen mit Ihrem Inhalt. Bei der Wahl des Themas und der inhaltlichen Elemente ist es wichtig, dass diese dem gesamten Publikum bekannt sind und es etwas damit anfangen kann. Hier muss man allerdings selbst nach Gefühl entscheiden und nicht selten ist ein wirklich guter Text auch in der Lage, ein mutmaßlich unbekanntes Thema interessant zu machen. Allzu abseitige Themen, die dem Publikum gänzlich unbekannt sind, sollte man aber dennoch eher vermeiden. Andernfalls muss man sie entweder im Text explizit erklären oder versuchen, dass sie sich selbst erklären (Beispieltext: "For the win"). Bei Texten aus der eigenen Lebenswelt, sollte man immer überlegen, ob andere sie nachvollziehen können und ebenso interessant finden, wie man selbst.

Das gewählte Thema sollte üblicherweise nicht nur bekannt, sondern auch interessant sein und ein Text über das Stricken von Socken hat eher geringes Potenzial, das Publikum vom Hocker zu reissen. Deshalb handeln viele Poetry Slam Texte von jedermann bekannten Situationen oder allgemein bekannten Problemen. In den meisten Fällen versucht der Autor dabei, einen Wiedererkennungs- oder einen Zustimmungseffekt zu erzielen, der das Publikum auf seine Seite zieht. Tendienziell haben aktuelle Themen und Inhaltselemente dabei einen gewissen Erfolgsbonus, allerdings veraltet dieser Vorteil naturgemäß recht schnell und kann sich nach einiger Zeit sogar zu einem Nachteil entwickeln. Da viele Autoren nach einem guten "Selbstläuferthema" mit einem mutmaßlich hohem Interessefaktor suchen, häufen sich allerdings auch bestimmte Themen immer wieder. Texte über das Zusammenleben von Männern und Frauen oder über aus dem Ruder gelaufene Parties gibt es daher wie Sand am Meer - in den meisten Fällen funktionieren sie aber trotzdem immer wieder.

Üblicherweise kann man jedoch die Texte am Besten schreiben, die man selbst auch wirklich schreiben möchte. Idealerweise schreibt man daher Texte über Themen, in den man sich auskennt und die für einen selbst auch eine Bedeutung haben. Am Besten haben solche Texte ein Leitmotiv, eine Botschaft oder beschreiben eine Stimmung oder Situation, die der Autor gut kennt oder in die er zumindest glaubt, sich gut hineinversetzen zu können. Eine solche Verbundenheit des Autors zu seinem Thema macht in vielen Fällen nicht nur das Schreiben und die Ideenfindung für den Autoren leichter, sondern führt häufig zu einem runderen und strukturierteren Text. Als besondere Herausforderung kann ein Autor zudem versuchen, seinen Text so zu gestalten, dass er durch seine eindringliche Beschreibung oder durch eine tiefere Botschaft das Publikum ernsthaft und eventuell sogar längerfristig berührt, statt es "nur" gut zu unterhalten.

Welche Textsorte ist die beste?


lustigernst
Lyrik lustige Lyrik ernste Lyrik
Prosa lustige Prosa ernste Prosa
Gerade, wer neu mit dem Schreiben beginnt, sollte sich damit auseinander setzen, welche Art von Texten er schreiben möchte. Auch wenn beim Poetry Slam keine Textform vorgegeben ist, lassen sich die meisten Texte anhand von zwei Kategorien einteilen. Diese sind "Lyrik oder Prosa" und "ernst oder lustig". Daraus ergeben sich insgesamt vier verschiedene Textbereiche: "ernste Lyrik" und "lustige Lyrik" sowie "ernste Prosa" und "lustige Prosa". Die Vorteile und Nachteile der einzelnen Textarten sollen im Folgenden kurz angerissen werden.

Lyrik oder Prosa?

Grob geschätzt sind etwa 30% der bei Poetry Slam vorgetragenen Texte lyrische Texte und 70% Prosatexte. Das mag zu einem Großteil daran liegen, dass Männer (ebenfalls geschätzt) stärker zur Prosa tendieren als Frauen und dass es üblicherweise deutlich mehr Slampoeten als Slampoetinnen gibt. Als Folge ergibt sich, dass absolut gesehen Prosatexte mehr Poetry Slams gewinnen als lyrische Texte, was ganz einfach daran liegt, dass es deutlich mehr davon gibt. Relativ zur Anzahl gesehen würde ich jedoch behaupten, dass lyrische Texte und Prosatexte in etwa gleich erfolgreich sind.

Das Problem an lyrischen Texten ist, dass sie eine sprachliche Fähigkeit verlangen, die nicht jedem Autor gegeben ist. Das Gefühl für Versmaß, Reimformen und Sprachbilder und nicht zuletzt das richtige Gefühl selbst sind nicht jedem Autoren gegeben und lassen sich nur schwer erarbeiten. Gute lyrische Texte besitzen damit eine ungemein starke sprachliche und bildliche Kraft, die sich mit Prosatexten nur schwer erreichen lässt. Im Gegenzug haben lyrische Texte aber das Problem, dass sie sich sprachliche Beschränkungen auferlegen, die es zum Teil schwer machen, auf der rein inhaltlichen Ebene konkrete Sachverhalte auszudrücken. Zudem ist die Lyrik dadurch häufig auch thematisch beschränkt, da sie als gewissermaßen "höhere" Sprachform auch eher "höhere" und oft eher emotionale Inhalte behandelt und bei vordergründig profanen Themen häufig fehl am Platz wirkt. Im Gegenzug zu den lyrischen Texten sind Prosatexte in ihrer Gestaltung und in den Ansprüchen wesentlich freier und unkomplizierter zu handhaben.

Die Entscheidung zwischen Lyrik und Prosa für einen Text ist insofern eine grundsätzliche, da sich beide Formen nur schwer und meistens schlecht mischen lassen. Eine solche Mischform stellt darum vom Textfluss fast immer einen Bruch dar (Beispieltext: "Nasty"). Eventuell kann man versuchen, eine sehr prosaische Lyrik, quasi eine "gereimte Prosa" zu verfassen (Beispieltext: "Mit Worten spielt man nicht"), die formal lyrisch ist (oft in Form eines Reimschemas), aber nicht auf der bildlichen und sprachlichen Ebene.

Ernst oder lustig?

Anders als die Entscheidung zwischen Lyrik und Prosa, ist die Entscheidung zwischen ernsten und lustigen Texten keine absolute. Zum Einen gibt es bei der Frage nach "ernst oder lustig" eine inhaltliche und eine sprachliche Ebene. So kann ein Text etwa ein ernstes inhaltliches Thema sprachlich auf tendenziell lustige Weise darstellen, wie es etwa in der Satire geschieht (Beispieltext: "Costa del Sol"). Zum Anderen gibt es zwischen eindeutig lustigen und fast schon comedyartigen "Schenkelklopfer-Texten" und auf der anderen Seite den extrem ernste Themen aufgreifenden "Betroffenheits-Texten" eine große Bandbreite von Texten, die eventuell sogar weder ernst noch lustig, sondern vielleicht einfach nur sachlich sind.

Nach meiner Erfahrung sind lyrische Texte bei Poetry Slams überwiegend nicht lustig, während geschätzt zwei Drittel der Prosa Texte eindeutig oder zumindest überwiegend als lustige Texte einzuordnen sind. Dabei sind lustige Prosatexte im Schnitt deutlich erfolgreicher als Texte, die komplett ohne lustige Elemente auskommen. Das liegt wohl zum Einen daran, dass insbesondere bei Veranstaltungen mit einem großen Publikum das Lachen ansteckend wirkt und so zu einem gemeinsamen Erlebnis wird, welches einen lustigen Text gut angekommen lässt. Zum Anderen scheint es aber auch einen grundsätzlichen Hang des Publikums zu lustigen Texten zu geben, was man nicht zuletzt daran sehen kann, dass üblicherweise jede beliebige Comedy-Veranstaltung kommerziell deutlich besser abschneidet als eine "Best of"-Verstaltung der Text von "Das Wort zum Sonntag".

Ein Problem vieler rein lustiger Texte ist jedoch, dass sie oftmals keine eigene, tiefer gehende Substanz haben. Wenn also der Humor bei einem Publikum nicht ankommt, erlebt man mit lustigen Texten im schlimmsten Fall einen Totalabsturz, weil Humor, der nicht funktioniert, recht schnell hohl und peinlich wirkt. Ein nur mittelmäßiger lustiger Text läuft also bei wechselndem Publikum immer mal wieder Gefahr, komplett durchzufallen, während man mit einem mittelmäßigen ernsthaften Text zumeist immer noch im soliden Mittelfeld landen dürfte.

Generell ist fehlende Substanz bei rein lustigen Texten also auch ein potentieller Nachteil, den gute ernsthafte Texte für sich nutzen können. Besonders deutlich wird dies, wenn ein ernster Text "eine Bühne verbrennt", indem er eine derart eindringliche Botschaft hat, die es dem folgenden Text im Wettbewerb schwer macht, einfach übergangslos und unbeschadet daran anzuknüpfen. So wird es nach einem eindringlichen ernsten Text über ein menschliches Leid sehr schwer für den nächsten Slammer, im direkten Anschluss seinen sonst so überaus erfolgreichen Lachknaller über das Besäufnis auf der letzten WG-Party vorzutragen. Im umgekehrten Fall wäre die Reihenfolge im Wettbewerb für den ernsten Text hingegen kein Problem.

Was empfiehlt sich also am besten?

Rein technisch gesprochen sind die meisten erfolgreichen Texte wahrscheinlich "ernste Lyrik" oder "lustige Prosa". Auch "ernste Prosa" (nicht selten als Satire mit lustigen Elementen) kann immer wieder sehr erfolgreich sein. Bei "lustiger Lyrik" hingegen findet man eher selten erfolgreiche Texte (Beispieltext: "Philipp Scharri - Kochen bei Kants"). Diese Reihenfolge bietet aber letztlich kein solides Kriterium für die Wahl einer erfolgreichen Textform, weil der große Erfolg einzelner Textarten zu einem großen Teil darauf zurückzuführen ist, dass sie häufiger geschrieben werden.

So ist man als Autor bei der Wahl der Textform in den meisten Fällen durch seine individuellen Fähigkeiten geprägt und viele Poetry Slammer haben ein besonderes Talent für eines der vier Textgebiete und eine große Zahl ihrer Texte stammt folgerichtig aus diesem Gebiet. Tatsächlich schreiben einige sehr erfolgreiche Slam Poeten sogar relativ lausige Texte, wenn sie sich an einem ihnen eher fremden Gebiet versuchen. Da jedoch alle Textarten erfolgreich sein können, sollte man also einfach die Textsorte nehmen, die einem am Besten liegt und am meisten Spaß macht. Auch, wenn man selber eine Vorliebe für eines der vier Gebiete für sich entdeckt hat, ist es trotzdem eine gute Erfahrung, zwischendurch immer mal wieder zu versuchen, auch Texte aus den anderen Gebieten zu schreiben. Dies ist nicht nur eine unterhaltsame Übung, sondern hilft auch dabei, seinen Horizont zu erweitern und erhöht zudem auch die eigene Variabilität.

Letztere wiederum ist ein wichtiger Baustein für den Wettbewerb. Denn es kann immer wieder vorkommen, dass bei einem Poetry Slam bestimmte Texte oder Textformen situationsbedingt nicht sonderlich passend sind. Zum Einen gibt es Poetry Slam-Veranstaltungen, deren Publikum eine merkliche Vorliebe für eine bestimmte Textform entwickelt hat und es kann daher hilfreich sein, auch diese Textform bedienen zu können. Zum Anderen kann durch den bisherigen Verlauf des Wettbewerbs ein Text unpassend werden, etwa wenn alle vorigen Slampoeten bereits gute und vielleicht sogar inhaltlich ähnliche Texte in der eigentlich geplanten Textform vorgetragen haben und man nun den zehnten Aufguss des gleichen Textbereichs präsentieren würde. In solchen Fällen sticht man oft besser hervor, wenn man spontan auch noch andere Alternativen hat, mit denen man gut und gerne auftreten kann.

Stilmittel


Es gibt eine ganze Reihe von Stilmitteln, die sich in vielen Texten bewährt haben, beziehungswiese bei denen sich herausgestellt hat, dass sie in den meisten Fällen nicht gut funktionieren. Einige davon sollen hier in loser Folge genannt werden:

Die wichtigsten Textpassagen sind bei den meisten Texten, und ganz besonders bei lustigen Texten, der Einstieg und der Abschluss. Der Einstieg zieht optimalerweise das Publikum sofort in den Text hinein und entscheidet so über die Wahrnehmung des folgenden Textes. Noch wichtiger ist aber der Abschluss des Textes. Bei ernsten Texten steht hier sehr oft eine gewichtige eindrucksvolle Aussage, bei lustigen Texten eine Hammerpointe, die optimalerweise den gesamten Text noch einmal genau auf den Punkt bringen. Dieser Abschluss ist das, was "sichtbar" zurückbleibt, wenn der Poet die Bühne verlässt und hat einen sehr großen Einfluss auf die nun kommende Publikumsbewertung.

Wiederholungen innerhalb des Textes sind ein beliebtes Stilmittel bei Slams, da sie dem Publikum einen Ankerpunkt und einen Wiedererkennungswert bieten. Zudem helfen Sie dem Autoren unter Umständen ein bestimmtes Grundanliegen des Textes besonders hervorzuheben. Eine einfacher Wiederholungstrick ist dabei das Aufgreifen eines Inhaltselements am Anfang und am Ende eines Texts (Beispieltext: "Narren"), was häufig einen gut sichtbaren Abschluss erzeugt und den Text in sich abschliesst. Aber auch sehr häufig wiederkehrendende Wiederholungen innerhalb des ganzen Vortrags kommen in manchen Texten (Beispieltext: "Das Haar in Hannover" und erst recht der Redeteil von Antony in "Julius Caesar") vor. Diese entwickeln im Idealfall eine komische Komponente und werden eventuell sogar vom Publikum mitgesprochen.

Oftmals kommen Wortspiele oder besondere Wortwahlen oder Wortschöpfungen gut an und bleiben dem Publikum auch nach dem Text noch in Erinnerung.

Der Text sollte an den richtige Stellen Pausen haben, damit das Publikum die Möglichkeit hat, besonders wichtige oder schwierige Passagen auch zu verstehen und zu würdigen.

Auch bei Textstellen, die üblicherweise eine Publikumsreaktion (etwa Lachen oder Mitleidsbekundungen) hervorrufen, sollte man Pausen einplanen. Diese sollten sich am Besten ganz natürlich in den Text einpassen, so dass man einerseits Zeit für eine Reaktion lässt, aber auch unauffällig einfach weitervortragen kann, falls eine eigentlich erwartete Reaktion ausbleibt. Liegt die erwartete Reaktion mitten im Satz, wo eine Pause nicht möglich ist, dann lässt man in den meisten Fällen besser keine Pause, sondern unterbricht gegebenenfalls den Text, wenn es eine Reaktion gibt.

Ein Text sollte sich flüssig vortragen lassen und nicht haken (Textstellen wie etwa "ein auf alles anfallender Abgabeerlass" lassen sich kaum flüssig vorlesen). Dies gilt natürlich insbesondere für lyrische Texte, aber auch für Prosa.

Die Textlänge sollte man darauf abzielen, dass man den Text bequem in 4:45 Minuten vortragen kann. Dieses Zeitmaß rührt daher, dass viele Slams ein Zeitlimit von fünf Minuten haben und man durch Tagesform und Begrüßung beim Gang auf die Bühne stets einige Sekunden verlieren kann. In diese Zeit sollte man auch Pausen und Publikumsreaktionen (insbesondere Lachen bei lustigen Texten) mit einplanen. Während lyrische Texte zumeist problemlos in dem genannten Zeitfenster bleiben und zuweilen sogar anstrengend werden können, wenn sie deutlich länger ausfallen, kommt man bei Prosatexten häufiger in eine gewisse Zeitnot. Hier hilft es nur, den Text radikal zu kürzen, wobei in den meisten Fällen ein Text, in dem man die "nur guten, aber nicht sehr guten" Textstellen kürzt, häufig sogar besser wird. Wenn man inhaltlich nicht mehr kürzen kann, bringt eventuell die Überarbeitung des Satzbaus und im Extremfall die Ersetzung einzelner Wörter ein paar Sekunden. Nur eine Notlösung ist es, einen eigentlich zu langen Text im Stakkatotempo auf der Bühne durchzurasseln, weil der Text dabei meist an Wirkung und Qualität verliert. Eventuell sollte man einen zu langen Text für die Gelegenheiten aufsparen, in denen man ein weniger strenges Zeitlimit hat.

Insiderwitze sollte man nach Möglichkeit ganz vermeiden, es sei denn, sie sind weit genug verbreitet, dass ein Großteil des Publikums sie dennoch kennt (Beispiel: "Warum liegt da eigentlich Stroh?"). Hierbei ist häufig zu beobachten, dass gerade Klischees (etwa die Namen Kevin und Mandy) und Wortspiele in der Bühnensituation oft so gut ankommen, dass Wortspieltexte (Beispieltext: "Ich hatte sie alle") sogar ein eigenes Schema darstellen.

Die Bühnenpräsenz


Der Erfolg eines Poetry Slams hängt in erster Linie von der Qualität des vorgetragenen Textes ab und die Bühnenpräsenz spielt in den meisten Fällen eine eher kleine, und doch am Ende oft die entscheidende Rolle. Denn gerade, wenn eine Reihe von Textvorträgen auf einem Poetry Slam von textlich annähernd gleicher Qualität ist, entscheidet nicht selten die Bühnenpräsenz über den entscheidenden Wertungspunkt, der am Ende mehr oder weniger vergeben wird.

Nur ein kleiner Teil von Poetry Slammern sind wirkliche "Rampensäue" und verstehen es, sich prominent und vielseitig auf der Bühne darzustellen, spontan mit dem Publikum zu spielen und so die Bühne und das Publikum für sich einzunehmen. Die Mehrzahl der Poetry Slammer besitzt dagegen eine eher statische vortragsweise, die im Vergleich dazu nicht besonders heraussticht. Dennoch, oder gerade deswegen, lohnt es sich aber, an seinem Vortragsstil zu feilen, da man im direkten Vergleich mit den meisten Poetry Slammern durch einige wenige gezielte Gesten oder Betonungen, die den eigenen Text und Vortrag unterstützen, oftmals die Nase vorn haben kann.

Wichtig ist jedoch bei der Performance, dass man authentisch bleibt und sich mit dem, was man performt, wohlfühlt. Andernfalls geht eventuell nicht nur der Spaß am eigenen Vortrag verloren, sondern man wirkt auch schnell verkrampft und gekünstelt. Hier lohnt es sich zu experimentieren, aber es ist auch nicht dramatisch, wenn man am Ende für sich feststellt, dass man kein sonderlicher Performer ist. Wer jedoch diese Gabe in sich entdeckt, sollte diese nutzen und ausbauen und eventuell sogar versuchen, speziell performancelastige Texte zu verfassen.

In jedem Fall sollte man aber auf der Bühne zumindest präsent sein und in der Lage sein, den eigenen Text selbstsicher genug vorzutragen und die Zeit und die Ruhe haben, die richtigen Akzente zu setzen, damit er wirken kann. Üblicherweise sollte man versuchen, lyrische Texte auswendig vorzutragen, wogegen Prosatexte oft am Besten ankommen, wenn man sie vom Textblatt abliest.

Wem soll ein Poetry Slam Text gefallen?


Auch wenn es bestimmte Mittel gibt, die unter Umständen dabei helfen, erfolgreiche Slamtexte zu schreiben, ist es zu einfach gedacht, dass der Text, der einen Poetry Slam gewinnt, automatisch auch der beste Text ist. Das liegt zum Einen daran, dass die Wahrnehmung der Qualität eines Textes eine subjektive Angelegenheit ist, die von den persönlichen Voraussetzungen und Erwartungen abhängt. Zum Anderen gibt es auch beim Poetry Slam einen gewissen Massengeschmack, der häufig über die Platzierung entscheidet. Dass dieser jedoch nicht unbedingt eins zu eins mit der Qualität zusammenhängen muss, lässt sich häufig bereits beim Vergleich vom eigenen Musikgeschmack mit aktuellen Musikcharts erkennen.

Bei der Erstellung eines Textes sollte man sich darum zu allererst auf seinen eigenen Geschmack verlassen. Zusätzlich empfiehlt es sich, den Text vor dem ersten öffentlichen Vortrag ausgewählten Freunden oder Bekannten vorzutragen und diese um eine ehrliche Rückmeldung zu bitten.

Gerade zu Beginn werden die ersten Rückmeldungen auf die eigenen Texte nicht immer den eigenen Erwartungen entsprechen und können unter Umständen sogar enttäuschend sein. Mit zunehmender Zahl von geschriebenen Text werden die meisten Autoren jedoch die Schwachstellen in den eigenen Texten erkennen, sich weiterentwickeln und nicht zuletzt auch einen kritischen Abstand zu den eigenen Frühwerken entwickeln. Aber auch aktuelle Texte, insbesondere wenn sie frisch geschrieben sind, haben häufig noch Verbesserungspotential in sich. Darum sollte man beim Vortrag stets auf das eigene Gefühl und auf die Publikumsreaktion achten, um die Stärken und Schwächen des Textes zu entdecken. Schwächen sollte man analysieren und entsprechend überarbeiten oder gar weglassen. Im Extremfall wird ein Autor sogar einen fertigen Text komplett umstrukturieren, dass er eventuell sogar eine ganz neue Wucht und Aussage bekommt. Aber auch kleinere Details sollte man, sofern man sie erkennt, nach Möglichkeit überarbeiten. Dies beeinhaltet auch Kleinigkeiten wie etwa einen holperigen Satzrhythmus in einem Prosatext.

Bei seiner Entwicklung wird man automatisch auch feststellen, dass bestimmte Themen, Stilmittel oder Textformen beim Publikum besonders gut ankommen und diese bewusst oder unbewusst in die eigene Schreibweise übernehmen. Dies ist durchaus auch vorteilhaft, wenn man dabei das Gefühl hat, sich auch persönlich als Autor zu verbessern. Idealerweise wird man so als Autor kontinuierlich besser und erfolgreicher zugleich. Die subjektive Zufriedenheit mit den eigenen Texten und das Feedback der Zuhörer gehen dabei oft Hand in Hand, wobei man sich aber stets fragen sollte, ob man seine guten eigenen Texte gut findet, weil sie in den eigenen Augen auch wirklich gut sind oder doch eher allein deshalb, weil sie einen gewissen Erfolg beim Vortragen haben.

Wirklich spannend wird es in dem Moment, wenn man vor der Frage steht, ob man mit den eigenen Texten jemals erfolgreich den Massengeschmack treffen wird und inwieweit man sich beim Schreiben von Texten von der Erwartung des Publikums leiten lassen möchte oder seine eigenen Vorstellungen umsetzen möchte. Die Motivation, einen Text zu schreiben, unterscheidet sich dabei in den beiden Fällen oft nur in Nuancen zwischen "das kommt bestimmt gut an" und "da kann man bestimmt gut drüber schreiben". Bei Ersterem geht es dem Autor jedoch eher um den Publikumserfolg und beim Zweiten eher um den Text selbst. Daher sollte man keine Angst haben, Texte auszuprobieren, die man gerne schreiben möchte, auch wenn sie vielleicht nicht geeignet scheinen, einen Slam zu gewinnen. Denn diese Findungsphase schärft in starkem Maße den eigenen Stil und die eigene Qualität als Autor.

Es gibt hunderte von sehr guten Poetry Slam Texten, die vielleicht im Wettwerb nicht immer erfolgreich sind, aber dennoch große Anerkennung bei den Zuschauern und nicht zuletzt auch bei den anderen Poetry Slammern finden. Und es ist durchaus nicht verkehrt, mit seinen Texten "lediglich" gut anzukommen oder nur eine Nische zu bedienen, sondern genau dadurch kann man unter Umständen einzigartig und unverwechselbar werden. Denn auch wenn es durch den Wettbewerb so aussieht, geht es beim Poetry Slam nur am Rande ums Gewinnen. Viel wichtiger ist es, dass man Spaß daran hat und nicht zuletzt auch Texte schreibt, auf die man am Ende stolz ist. Man muss also nicht unbedingt Slams gewinnen, um Anerkennung zu bekommen oder Spaß zu haben.