Ein Gedicht, das mit der unnützen Kommunikationsbedürfnis von Menschen abrechnet.

Mit Worten spielt man nicht


Erster Akt: Wortschöpfung

Am Anfang da hatte das Wort noch Gewicht
und als Gott damals sprach: Es werde Licht
dann war da auch Licht und zwar sofort
und so schuf er das Licht mit einem einzigen Wort

Und weil's so leicht ging, hörte er da nicht auf
schuf Himmel und Erde und Menschen darauf
und das ganz allein und in nur sieben Tagen
wobei die Menschen jedoch eine Fehlplanung waren

Denn schon bald gab es Streit, der sich umso mehr nährte
je mehr sich der Mensch auf Erden vermehrte
So kam es schon bald zu Gewalt und zu Mord
und obwohl damals noch galt ein Mann ein Wort

führten ausgerechnet die die Debatten
die nichts im Kopf aber den dicksten Prügel hatten
und um sich nicht selbst den Kopf zu zerbrechen
ließen sie lieber die Waffen sprechen

Zweiter Akt: Wortgewalt

Heute sind Kriege antike Relikte
stattdessen führt man bewaffnet Konflikte
oder versucht in Talkshows und Fernsehduellen
seine kulturelle Potenz aufzustellen

Denn dort lassen sich noch Verbalkeulen schwingen
da können selbst Pazifisten mit Worten ringen
und sich das Maul zerreißen bis die Wortfetzen fliegen
und am Boden dann knöchelhoch Worthülsen liegen

Und wenn endlich Schall und Lärm verhallen,
sieht man auch die Worte – sinnlos gefallen

Dritter Akt: Wortspiele

Mit Lettern aus Holz, in Gutenbergs Geist
und mit viel Phantasie und auch etwas dreist
werden Worte zur Auslegungssache erklärt
für doppelten Wort- und dreifachen Buchstabenwert

Und einer beginnt und legt einen Lauf aus vier Lettern aus
und der nächste, der macht eine Lauflinie draus
denn wenn's einen Standpunkt gibt, muss es auch eine Lauflinie geben
und wer noch einen Standpunkt hatte, der verläßt ihn jetzt eben

Denn hier treffen Sprachpuristen auf Kreationisten
mit interessanten Gebilden wie QUXIZAMAR
der in Indien bestimmt mal ein Fernsehstar war

Und man trifft sich nicht nur zu Scrabble oder Scharaden
schon im Fernsehen da muss man Sprichworte raten
und unter Einsatz aller sprachlichen Mittel
löst man dann auf: “Der Zwerg reinigt die Kittel”
und was ist da bloß die Moral von der Geschicht?
nun eigentlich ganz einfach: Mit Worten spielt man nicht

Vierter Akt

In dem ich mir wünschte ihr wärt alle nackt
aber Wahrheit und Ehrlichkeit
haben noch niemanden zur Ehre gereicht

Fünfter Akt: Wortende

Wenn man Komplimente macht, die man nicht meint,
und eine Meinung hat, die weder bejaht noch verneint
wenn man sich immer wieder im Ungefähren verliert
und darum auch viel lieber mit hohlen Phrasen hantiert

Dann sag doch einfach mal “Ja” - oder “Nein”
aber lass das Drumherumreden sein
weil ein “vielleicht” vielleicht nicht immer reicht
auch wenn das dann manchmal vom Mainstream abweicht

Wenn eine Frau nur solange niedlich ist bis sie spricht
Wenn man ein Wort schon beim Aussprechen bricht
Wenn Sprache nur noch als Ausdruck von Sprechreiz taugt
und man einen Wortstamm zur Stütze als Lehnwort missbraucht

Dann sollte man lieber bei Twitter bleiben
und in 140 Zeichen 20x mal “Twitter” schreiben
oder den “Herrn der Ringe” in 12000 Tweets
da wär immerhin mehr Sindarin drin als in anderen Feeds

Drum mach dir doch einfach selbst mal nen Reim
und sag nicht was du denkst, sondern das was du meinst
Ist es dazu nötig, dass man in Reimen spricht ?
- Nein, das ist es natürlich nicht

solang man kapiert,
dass wer ständig unnütz Worte verliert,
der kann, wenn's drauf ankommt, nicht mehr verhehlen
dass ihm eigentlich die Worte fehlen

Und wer nichts zu sagen hat, muss das nicht zeigen
Warum dann nicht lieber einfach mal schweigen
und so merk' ich manchmal, ich vermiss es
so ein gewisses “Si tacuisses”
dabei ehrt man doch gerade das Wahre und Gute
am Ende am Besten mit einer Schweigeminute



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